Ein Stadtspaziergang in Marzahn

Schon immer wollte ich mal Marzahn erkunden!

Touristisches Highlight! Sonst völlig überlaufen und endlich, in den Corona Zeiten, mal viel Platz und kaum Menschen.
Sorry für diesen Sarkasmus, aber es war schon besonders anders in Marzahn.

 

Warum geht man nicht nach Marzahn, wenn man Berlin erkundet?

Dieser Berliner Stadtteil hat einen schlechten Ruf – und das ist irgendwie noch untertrieben. Auch unser Kotti hat einen schlechten Ruf und trotzdem verirren sich viele Berliner und Gäste dort hin.

Marzahn steht für Plattenbauten, Arbeitslosigkeit und die Wortschöpfung „sozialer Brennpunkt“. Das ist alles, was den meisten zu Marzahn einfällt. Vermutlich waren bereits mehr Berliner in London als in Marzahn. 

Es ist ruhig und laut, grün und grau. Nicht wirklich bunt.

 

Unser Architektur Geschmack verändert sich so wie unser Modegeschmack!

Wenn man nun diese gigantischen Häuserzeilen und Punkthochhäuser irgendwie verstehen will, dann muß man in die Zeit schauen, in der sie gebaut wurden.

Früher, da bestand die Gegend aus kleinen Dörfern. Die Plattenbauten wurden erst seit den siebziger Jahren errichtet. Sie waren begehrt, logisch, denn die Ost-Berliner drängten heraus aus ihren Wohnungen mit fließend Wasser von den Wänden, den Kohleöfen und Toiletten im Hausflur.

Nun, es gibt tatsächlich nicht nur in Ostberlin solche Siedlungen. Im Westen, da war es Gropiusstadt. Plattenbauten, Wohnlöcher, dunkle Ecken. Wenn man dort unterwegs ist, dann kommt auch schnell die Frage auf, ob das Absicht war, immer noch hässlicher und menschenunwürdiger zu bauen.

In Gropiusstadt macht man einen Spaziergang und hat das Viertel relativ schnell erledigt.
Eine Frau zeigt auf einen Flieder, den ich doch mal fotografieren sollte und ein anderer zeigt auf ein Hochhaus und sagt: Das Haus ist gut zum runterspringen. 

Komische Menschen.

 

Zurück zu Marzahn!

In Marzahn werden wir tatsächlich von niemanden angesprochen, irgendwie ist ja auch keiner da. Wir latschen und latschen und latschen. Es ist ein gigantisches Viertel und mein Argument, in Berlin braucht man keine Auto, das gilt hier nicht.
Neben den weitläufigen Grünanlagen, in denen wir auch fast niemanden treffen und den mega 6- spurigen Straßen entdecken wir viele Kinderspielplätze. Teilweise sehr traurig, nicht nur, weil gerade keine Kinder da sind, sondern auch weil sie irgendwie lieblos erscheinen.

Wir geben auf und machen uns auf, mit dem Roller noch mehr zu erkunden.

Und was soll ich sagen: Marzahn macht mich traurig. Lieblose Blumenkästen, verstörende Figuren als Kunstwerke und selbst dem „Freizeit Forum“ fehlt ein Buchstabe. Es ist, als wenn man hier in Marzahn ein Experiment an den Menschen versucht: wie lange halten sie das aus?

Versuche von Galerien scheitern – noch. Ich frage mich, ob wirklich irgendwann das hier ein beliebter Bezirk werden kann. Altbauten wie in Kreuzberg, Friedrichshain oder am Prenzlauer Berg sind auch erst so richtig nach der Wende beliebt geworden. Aber das hier?

Und dann, wir gehen über eine dieser Straßen und um die Ecke: Der alte Teil von Marzahn!
Ein grüner Anger, mit lächelnden Menschen. Eine Oase inmitten all dieser Traurigkeit.

Trotz spannender Orte wie die Galerie M und die Ateliers entlang der Marzahner Promenade, der Bockwindmühle oder der Alte Börse Marzahn , welche mit ihrem Konzept als Veranstaltungsort ausserhalb der hippen Gegenden leider gescheitert ist (steht zur Zeit zum Verkauf), es ist einfach keine Gegend, wo man sich am Abend mit Freunden verabredet und gemeinsam ein Bier trinkt.

Tja Marzahn, wenn man nicht wie ich mit der Kamera unterwegs ist, dann bleibt der Ort wohl eher im Dornröschenschlaf. Aber wer weiß, irgendetwas kann ihn ja vielleicht wieder zum Leben erwecken.

Übrigens eine wirklich gelungene Großraumsiedlung findet ihr an der Karl Marx Allee. Kaum zu glauben, aber ist so.

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