Unschärfe im Foto

Wie wunderbar mal wieder zu polarisieren mit „Unschärfe im Foto“!

Eigentlich fing es damit an, dass ich mit einem Künstlerfreund einen Spaziergang machte. Corona bedingt natürlich mit Abstand.
Wir sprachen über unsere Projekte, über das was wir sehen oder zumindest glauben zu sehen.
Wir sprachen über die Langweiligkeit in unserer Arbeiten und wie wir frischen Wind hinein bringen könnten.

Mein Künstlerfreund schreibt viel und ich dacht: okay, statt ein Foto zu machen werde ich in den nächsten Wochen das Bild nur „aufschreiben“.
Ich habe mir ein Schreibbuch gekauft und das liegt jetzt hier auf dem Schreibtisch. 3 Einträge hat es schon.

Unschärfe

Ich bin noch nicht so weit. Ich muß einfach Fotos machen.

Also habe ich mir gedacht, okay, dann machst du jetzt mal 4 Wochen nur unscharfe Fotos.
Probiert das mal aus. Ihr seht etwas, denkt, wow, das ist ein gutes Foto und dann stellt ihr auf Unscharf.
Nicht ganz so einfach, aber ich war überrascht.

Am meisten Freude haben mir die Reaktionen anderer Fotografen gemacht. Natürlich bin ich auf tiefes Unverständnis gestoßen. Genau die Reaktionen haben mir gezeigt, dass das jeder mal machen sollte.
Ich habe nicht den Anspruch an die Arbeiten, dass das Kunst ist. Blödsinn.
Ich wollte einfach mal wieder die Sicht auf unsere Welt ändern und ich habe wirklich viel entdeckt. Wunderbare Farbenspiele!

Und wenn ihr bei einigen der Fotos das Gefühl habt, dass ihr ganz verrückt werdet… ja klar, denn eure Augen versuchen verzweifelt scharf zu stellen. Unschärfe im Foto ist einfach nicht „normal“.
Aber was ist schon normal?

Unser Wahn bzgl. Pixel und Schärfe: Fotografie = Schärfe?

Fotograf Heinrich Kühn war 1897 der Meinung, es sei Aufgabe der Unschärfe, innere Bilder sichtbar zu machen. Vorstellungs- und Erinnerungsbilder waren für ihn so fotografisch umsetzbar, denn auch unser echtes Erinnerungsvermögen gibt uns keine detaillierte Aufschlüsselung, wie eine vergangene Szene genau ausgesehen hat.

Es ist spannend, wie ein unscharfes Foto uns Verschwinden suggeriert, einen Übergang zwischen Realität und Nichts, ein unbestimmtes verträumtes Dazwischen, und der Betrachter zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit hin- und hergeschoben wird.

Im Bildjournalismus hingegen haben unscharfe Fotos eine genau entgegengesetzte Wirkung auf den Betrachter: Sie zeugen von Authentizität. Selbst ein verwackeltes Foto hat einen Sensationscharakter, man vermutet den ehrlichen Schnappschuss eines Fotografen, der frei von Kalkül oder Verwertungsinteresse zufällig Zeuge einer bestimmten Szene wurde.

Ob Geisterfotografie oder andere mystische Begebenheiten – je unglaubwürdiger eine Begebenheit, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass das Beweisfoto unscharf ist. 

Für mich ist es oft befreiend, den Blick nicht auf vorgegebene scharfe Punkte fixieren zu müssen, sondern den Gedanken und Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Ich  frage mich, wer denn das Recht hat zu sagen, dass nur der scharfe Focus der legitime Focus ist. Warum kann nicht auch Unschärfe im Focus sein?

Probiert es doch mal aus!

Natürlich kann ich auch Scharf :-). Hier im Hansaviertel!

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